2. hanseatische Infanterie-Regiment No. 76 (Hermann de Boor)
08.07.2018 13:13
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Das 2. hanseatische Infanterie-Regiment No. 76 (Schlacht bei Loigny) - Gemälde von Hermann de Boor

Das Gemälde stellt einen Angriff des Infanterie-Regiments No. 76 gegen die von den Franzosen besetzten Dörfer Loigny und Fougeu am 2. Dezember 1870 dar. Es zeigt das anstürmende Regiment mit der Fahne des 1. Bataillons und Oberst von Neumann mit gezogenem Säbel in der Bildmitte, während sich im Vordergrund französische Infanteristen zur Flucht wenden. Im rechten Hintergrund ist auf einer Anhöhe mecklenburgische Artillerie ausgefahren und im Feuern begriffen. Im Verlaufe der Schlacht hatte die 33. Brigade unter General von Kottwitz mit einen überraschenden Flankenangriff die französische Armee in die Flucht geschlagen und bis in die Dörfer Loigny und Fougeu gedrängt, wo es schließlich zu einem heftigen Häuserkampf kam.
Es war die erste größere Schlacht an der das Hamburgische Regiment teilnahm und hatte an jenem Tag einen Verlust von 4 Offizieren und 85 Mann für die 76er zur Folge.
Hermann de Boor schuf dieses Gemälde 1875 in Düsseldorf. Im Hause des Schlachtenmalers Wilhelm Camphausen, der ihn 1869 als seinen Privatschüler aufnahm und dem er auch Wohnung und Atelier stellte[1], verbrachte er fast 10 Jahre. Für erstes Aufsehen erregte das 1873 entstandene Werk eines Angriffs von Chasseur d´Afrique auf Preußische Infanterie, das „mit kraftvoller Lebendigkeit und ausdrucksvoller Individualisierung der einzelnen Soldatengesichter einen verzweifelten Durchbruchsversuch der französischen Reiterei bei Sedan" schildert.[2] Schon hier zeigte sich die Vorliebe des Künstlers, einen entscheidenden Reiterangriff in höchster Lebendigkeit bis in die kleinsten Details auf die Leinwand zu bringen. Auch auf dem Gemälde "Schlacht bei Loigny" sind die Portraits der Beteiligten (im Bildausschnitt farblich hervorgehoben) „mit ungemeiner Treue nach dem Leben wiedergegeben", urteilte ein Kritiker 1875.




Nach der Fertigstellung wurde das Gemälde (126 x 209 cm) zunächst im Kunstsalon von Eduard Schulte in Düsseldorf und ab September 1875 in der Hamburger Kunsthalle ausgestellt, wo es - 5 Jahre nach der Schlacht - außerordentliche Beachtung fand. Die Begeisterung und große Anteilnahme der Hamburger Bevölkerung blieb nicht ohne Folgen, nur wenige Tage nach Eröffnung der Gemäldeausstellung kam es zu einem öffentlichen Aufruf an alle Mitbürger, das Schlachtenbild durch eine möglichst große Anzahl von Unterstützern zu erwerben und es dem in der Hansestadt stationierten Infanterie-Regiment No. 76 als Zeichen der Verbundenheit zu überreichen. Ein eigens dafür gegründetes Komitee ließ in der Börsenhalle eine Subskriptionsliste auslegen, in der Bürgermeister Kirchenpauer, sechs Senatoren und einige Persönlichkeiten, darunter Syndikus Merck, Wilhelm Amsinck und Adolph Godeffroy mit ihren Einträgen den Anfang machten.[3]

Bereits sechs Wochen später, am 23. Oktober 1875, erfolgte im Casino der Kaserne die feierliche Übergabe des angekauften Gemäldes an das Offizier-Corps des 2ten Hanseatischen Infanterie-Regiments No. 76. Von den wenigen, die nicht in andere Regimenter versetzt oder auf dem Feld blieben, hielt Oberst von Boehn im Namen der 76er eine Dankesrede.
Offensichtlich war das Offiziers-Casino kein geeigneter Standort für das Gemälde, denn wie aus einem Dankschreiben[4] des Oberst und Regiments Kommandeurs Johann Streccius zu entnehmen ist, musste H. de Boor das Werk bereits sieben Jahre später renovieren.

Noch einmal erhielt das Gemälde eine besondere Aufmerksamkeit, als die Hamburger zum 25-jährigen Gedenken der Schlacht ihre Häuser mit Flaggen schmückten und der Hofphotograph E. Bieber im Erdgeschoss des Hotels Hamburger Hof eine kunstvoll angefertigte und mit Lorbeerkranz und rot-weißer Schleife dekorierte Reproduktion präsentierte.[5]
 

                                                                                                                                    
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[1] "Der Professor selbst hatte sich am Ende seines Gartens ein einstöckiges Hinterhaus bauen lassen, in welchem oben sein Atelier lag, während unten zwei Zimmer und ein großer Kellerraum waren. Dieser ermöglichte es dem Künstler, die großen Bilder, an denen er in jenen Jahren stets arbeitete, durch einen breiten Spalt im Fußboden des Ateliers auf und ab zu wenden, je nach dem gerade vorliegenden Bedürfniß."
Aus: Familienarchiv de Boor - Landesarchiv Schleswig Abt. 399.9 Nr. 46. Aufzeichnungen des Archivardirektors Dr. Albert de Boor über seine Jugendzeit.
[2] Kunst-Chronik - Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst. Neunter Jahrgang. Leipzig. 5. Dez. 1873.
[3] Um eine möglichst breite Unterstützung der Bevölkerung zu gewährleisten, sollte der Betrag 15 Mark pro Person nicht übersteigen.
[4] Familienarchiv de Boor - Landesarchiv Schleswig Abt. 399.9 Nr. 5. Dankschreiben von Johann Streccius (08. Mai 1882) für die veranlaßte Renovierung des dem Officier-Corps des Regiments gehörigen Bildes der "Schlacht bei Loigny" an den Künstler Hermann de Boor.
[5] E. Bieber bot die Photographie dazu in einem kleinerem Format (37,6 x 22,4 cm) auch in allen Kunsthandlungen an.



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